| Dieser Text ist auf die Schnelle entstanden, ohne langes Literatur- oder Quellenstudium. Anlass war die Gerrymander-Seite von Wikipedia, die Beispiele von Wahlkreiseinteilungen zeigt. Dabei ist mir der Gedanke gekommen, wie weit ich dieses Spiel treiben kann, ohne die Grundsätze, die bei solchen Einteilungen gelten, zu verletzen. Ohne grosse Kunstgriffe ist es mir gelungen, mit einer bestimmten, nicht absurden Wählerverteilung fast jedes mögliche Ergebnis zu erzielen und sogar Stimmenmehrheiten in Sitzminderheiten zu verwandeln. |
Gewöhnlich werden Wahlsysteme in Mehrheits- und Verhältnissysteme, d. h. Majorz und Proporz, unterteilt. Obwohl diese Einteilung in der Theorie umstritten ist, macht sie in erster Näherung Sinn. Im folgenden untersuche ich das Mehrheitswahlsystem in Einerwahlkreisen bei einem Wahlgang. Historisch sind dabei auch immer Wahlkreise mit mehr als einem Sitz vorgekommen, aber ihnen gemeinsam ist, dass eine relative Mehrheit zur Wahl reicht. Bei guter Wahlorganisation kann die relativ stärkste Partei dabei alle Sitze holen (Blockstimmverfahren)
Wenn es N Sitze zu besetzen gibt, wird das Wahlgebiet in N Wahlkreise unterteilt, die je einen Abgeordneten stellen. In jedem Wahlkreis sollten möglichst gleichviele Stimmberechtigte wohnen. Gewählt ist, wer im ersten (und einzigen) Wahlgang die relative Mehrheit erreicht (englisch First past the post). Bekannteste Beispiele sind das englische Unterhaus und der Kongress der USA. Daneben findet sich dieses Wahlsystem in vielen ehemaligen Kolonien oder beeinflussten Gebieten dieser Länder. Frankreich z. B. hat ein System mit einem zweiten Wahlgang, wenn niemand im ersten die absolute Mehrheit der Stimmen erreicht.
Vorteile
Labour Conservative LibDem Beteiligung
Stimmen in % Sitze in % Stimmen in % Sitze in % Stimmen in % Sitze in % Sitze in %
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2010 29,00 258 39,69 36,05 306 47,07 23,03 57 8,77 650 61,4
2005 35,24 356 55,10 32,35 198 30,65 22,06 62 9,59 646 61,3
2001 40,68 412 62,51 31,70 166 25,18 18,26 52 7,89 659 53,38
1997 43,20 418 63,42 30,69 165 25,03 16,76 46 6,98 659 71,46
1992 34,39 271 41,62 41,93 336 51,61 17,85 20 3,07 651 77,67
1987 30,83 229 35,23 42,30 376 57,84 22,57 22 3,38 650 75,33
1983 25,57 209 32,15 42,43 397 61,07 25,37 23 3,53 650 72,69
1979 36,94 269 42,36 43,87 339 53,39 13,82 11 1,73 635 76,0
1974 Okt. 39,25 319 50,24 35,85 277 43,62 18,32 13 2,05 635 72,8
1974 Feb. 37,18 301 47,40 37,90 297 46,77 19,35 14 2,20 635 78,8
1970 43,1 288 45,71 46,4 330 52,38 7,5 6 0,95 630 72,0
1966 48,1 364 57,78 41,9 253 40,16 8,6 12 1,90 630 75,8
1964 44,1 317 50,32 43,4 304 48,25 11,2 9 1,43 630 77,1
1959 43,9 258 40,95 49,4 365 57,94 5,9 6 0,95 630 78,7
1955 46,4 277 43,97 49,7 345 54,76 2,7 6 0,95 630 76,8
1951 48,8 295 47,20 48,0 321 51,36 2,6 6 0,96 625 82,6
1950 46,1 315 50,40 43,4 298 47,68 9,1 9 1,44 625 83,9
1945 48,0 393 61,41 39,6 210 33,60 9,0 12 1,88 640 72,8
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(Quellen: 1945-2001 United Kingdom Election Results, 2005 United Kingdom general election, 2005, 2010 United Kingdom general election, 2010.)
Augenfällig ist, dass die Liberaldemokraten ihren Stimmenanteil kaum in Sitze umsetzen können. Hingegen schafft es Labour 2005, mit 35,24% der Stimmen 55,10% der Sitze und 100% der Macht zu erobern. Auch alle vorherigen Regierungen konnten sich nur auf eine Minderheit der gültigen Stimmen stützen.
Die Konservativen erhalten 1951 mit 48,0% der Stimmen 321 Sitze, Labour mit 48,8% nur 295.
In der Februarwahl von 1974 erreichen Labour und Konservative fast gleiche Stimmenanteile, auch der Unterschied in der Sitzzahl bewegt sich in einer annehmbaren Unschärfe, aber keine Partei erringt die Sitzmehrheit. Labour kann mit den Liberaldemokraten eine Minderheitsregierung ("Lib-Lab") bilden, obwohl die Konservativen über mehr Sitze verfügen. Da dieser Pakt nicht lange hält, finden im Oktober Neuwahlen statt, aus denen Labour siegreich hervorgeht. Deren Sitzmehrheit ist sehr dünn, doch sie können die volle Legislatur ausschöpfen.
Die Konservativen erringen 1983 42,43% der Stimmen und werden mit 61,07% der Sitze belohnt, d. h., sie verlieren gegen 1979 1,44% an Stimmen, gewinnen aber 58 Sitze hinzu. Gleichzeitig erhalten die Liberalen mit 25,37% der Stimmen 23 Sitze, Labour mit 25,57% aber 209!
Die Liberaldemokraten erreichen 1992 mit 17,85% der Stimmen 3,07% der Sitze, 1997 mit 16,76% der Stimmen (also weniger) 6,98% der Sitze, d. h., mehr als doppelt so viele wie 1992. Es kommt also in erster Linie auf die lokale Häufung der Stimmen und weniger auf die landesweite Gesamtzahl an.
Da es vor allem auf die lokale Häufung ankommt, ist die Einteilung der Wahlkreise sehr wichtig. In Grossbritannien gibt es für jeden der vier Landesteile eine eigene Kommission, die alle 8 bis 12 Jahre eine Neueinteilung vorschlägt. Das Parlament kann den Vorschlag annehmen oder verwerfen, aber nicht ändern. Die Änderungen scheinen i. a. unumstritten zu sein. Meistens trägt die Neueinteilung Bevölkerungsverschiebungen Rechnung.
Lokal verankerte Parteien wie die Ulster Unionists, Sinn Fein und die Ulster Democratic Unionist Party in Nordirland, die Scottish Nationalist Party in Schottland oder Plaid Cymru in Wales erreichen in diesem Zeitraum Stimmenanteile von 1 bis 3% und können diesen wegen der lokalen Konzentration oft in höhere Sitzzahlen umsetzen.
Für die Wahlen von 2010 hat Labour einen "systemimmanenten" Vorteil, d. h., die anderen Parteien müssen einen deutlich höheren Stimmanteil für eine gleiche Anzahl Sitze erreichen. Seit dem Februar 1974 hat zum ersten Mal keine Partei die Sitzmehrheit. Die Konservativen und die Liberalen gehen eine Koalition ein. Auch dieses Mal erringen die Liberalen mit mehr Stimmen weniger Sitze als 2005.
USA
In den USA ist die Einteilung der Kongresssitze Sache der Staatsparlamente, wobei sich Demokraten und Republikaner heftig bekämpfen. Dasselbe gilt für die Parlamente der Bundesstaaten. Sehr oft landen Neueinteilungen vor Gericht, wenn die herrschende Partei versucht, ihre Mehrheit zu zementieren.
Bestimmte Voraussetzungen lassen sich mathematisch festlegen: möglichst gleichgrosse, zusammenhängende Wahlkreise. In der Praxis sind dabei beträchtliche Unterschiede möglich. In Grossbritannien zählt der kleinste ca. 20'000, der grösste etwa 100'000 Wähler. Ein Wähler des grössten Wahlkreises besitzt dabei nur einen Fünftel der Stimmkraft des kleinsten.
Fragen zur "gerechten" Einteilung der Wahlkreise:
Die herrschende Partei ist dabei immer versucht, ihre Stellung auszubauen oder zu festigen, indem sie die Stimmen der Gegner durch geschickte Spaltung nutzlos macht, oder falls das nicht geht, in möglichst wenige Wahlkreise packt, wo die überschüssigen Stimmen nutzlos verpuffen.
Falls sich Demokraten und Republikaner ihrer Mehrheiten nicht sicher sind, können sie sich auch auf ein Kartell verständigen, wobei jede Partei eine Anzahl "sicherer" Wahlkreise zurechtgeschneidert erhält, um im beidseitigen Interesse die Wahlkampfausgaben auf die umkämpften Sitze zu konzentrieren. Falls natürlich in ein Erdrutsch im Wahlverhalten stattfindet, helfen auch diese Manöver nichts.
Da das Wahlverhalten sehr kleinteilig bekannt ist, kann die Informatik helfen, Mehrheiten und Wahlkreisgrenzen fast nach Belieben einzurichten. Pionier dieser Technik ist Elwood Gerry, Gouverneur von Massachusetts, der 1812 die Wahlkreise so zu seinen Gunsten verbiegen liess, dass sie einem Salamander ähnelten. Daraus leitet sich der Begriff "Gerrymander" ab, heute im englischsprachigen Raum ein Synonym für Wahlkreismanipulation.
Dass diese Einteilungen fast immer umkämpft sind, bedeutet, dass allen Beteiligten klar ist, dass sie einen entscheidenden Faktor für den Wahlausgang darstellen. Die Wahlkreise sind schneller zu ändern als das Wahlverhalten der Bevölkerung, darum verwenden die Parteien auch so viel Energie darauf.
Absprachen über Kandidaturen
Dazu kommt noch eine andere Möglichkeit der Manipulation: Falls der Wahlausgang knapp zu werden verspricht, kann sich eine grosse Partei G mit einer kleinen Partei K absprechen, damit K dort keine Kandidaten aufstellt, wo G's Sitze gefährdet sind. Im Gegenzug verzichtet G zugunsten von K auf ein paar Sitze, indem sie dort keinen eigenen Kandidaten aufstellt und zur Wahl von K aufruft. Damit kann K u. U. deutlich mehr Sitze gewinnen, als wenn sie ohne Absprache in den Wahlkampf gezogen wäre.
Dies kommt einer Quasikoalition schon sehr nahe und lässt vermuten, dass G und K weiter zusammenarbeiten, da sie auch in Zukunft aufeinander angewiesen sind. Den Wählern wird damit die Entscheidung faktisch aus der Hand genommen, es sind die Parteizentralen, die die Vorentscheide fällen.
Fazit
In diesem Wahlsystem ist die Wahlkreiseinteilung fast wichtiger als das Stimmverhalten der Wähler. Dies stellt aber die Brauchbarkeit des Verfahrens in Frage, wenn schon vor der Wahl faktisch entschieden wird, wer gewählt wird.
Ein erstes, ein wenig erweitertes Beispiel aus der Gerrymander-Seite: Es gibt 4 Wahlkreise und 64 Wähler, die regelmässig auf die 4 zusammenhängenden Kreise verteilt sind. 32 wählen Partei A, 32 Partei B. Die Verteilung der Wähler wirkt ein wenig gesucht, aber es lassen sich ohne Mühe die Sitzverteilungen A und B je 2 Sitze, A 1 und B 3 Sitze und umgekehrt erreichen.
Wahlkreiseinteilung im Bastelverfahren
Dies hat meine Neugier geweckt, ob es möglich ist, z. B. Wählermehrheiten in Sitzminderheiten umzubiegen. Unter dieser Ausgangslage habe ich für eine gegebene Wählerverteilung alle möglichen Sitzverteilungen gesucht. Dabei musste ich nur wenig Gewalt anwenden, und in den Beispielen habe ich im Übergang von der einen zur nächsten Verteilung jeweils nur einen Wähler "bekehren" müssen. Für die meisten Sitzverteilungen gibt mehere Wahlkreiseinteilungen, ich habe dabei nur eine angegeben.
Hier mein eigenes Bespiel mit einer natürlicheren Wählerverteilung. Die einzelnen Fälle zeigen, dass fast jedes Ergebnis möglich ist, sogar dass eine Partei mit 64% der Stimmen nur 2 der 5 Sitze erreicht, also in der Minderheit bleibt.
| A | B | C | ||||
| Stimmen | Sitze | Stimmen | Sitze | Stimmen | Sitze | |
| 1. Fall | 11 | 1 bis 3 | 11 | 1 bis 3 | 3 | 0 oder 1 |
| 2. Fall | 10 | 0 bis 3 | 12 | 1 bis 4 | 3 | 0 oder 1 |
| 3. Fall | 9 | 0 bis 3 | 13 | 1 bis 4 | 3 | 0 oder 1 |
| 4. Fall | 10 | 0 bis 3 | 15 | 2 bis 5 | ||
| 5. Fall | 9 | 0 bis 3 | 16 | 2 bis 5 | ||
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